Kardiale Computertomographie in der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung

Prof. Dr. Thomas Henzler, Geschäftsführer der Radiologie Diagnostik München (DKM), hat eine Abhandlung zum aktuellen Stellenwert der kardialen Computertomographie in der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung veröffentlicht.

Prof. Dr. Thomas Henzler, Geschäftsführer, Ärztlicher Leiter des Radiologie-Standorts Planegg und Leiter der urologischen und kardialen Diagnostik hat mit den Dres. Ellen Hoffmann und Christian Tesche vom Städtischen Klinikum München und Dr. Hans Ullrich Ebersberger vom Isar Herzzentrum eine Abhandlung zum aktuellen Stellenwert der kardialen Computertomographie in der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung in der kardiologischen Fachzeitschrift „Der Kardiologe“ der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V. veröffentlicht. Mit der CME-zertifizierten Fortbildung publizierte Prof. Henzler damit nach seinem Wechsel zur Radiologie seinen ersten Artikel unter dem Namen der Diagnostik München.

 

CME Zertifizierte Fortbildung

C. Tesche – Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin, Herzzentrum München-Bogenhausen, Städtisches Klinikum München GmbH, München, Deutschland

U. Ebersberger – Kardiologie MVZ München-Nord, München, Deutschland

E. Hoffmann – Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin, Herzzentrum München-Bogenhausen, Städtisches Klinikum München GmbH, München, Deutschland

T. Henzler – Diagnostik München, MVZ Radiologisch-nuklearmedizinisches Diagnostikzentrum München GmbH, München, Deutschland

Aktueller Stellenwert der kardialen Computertomographie in der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung – Update 2018

 

Zusammenfassung

Die kardiale Computertomographie mit Kalziumscoring zur Quantifizierung des Koronarkalks und kontrastmittelgestützter CT-Angiographie (cCTA) zur nichtinvasiven morphologischen und funktionellen Beurteilung von Koronarstenosen ist ein etabliertes Verfahren in der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung (KHK) und der zielgerichteten interventionellen Behandlung. Die kardiale Computertomographie eignet sich bei Patienten
mit niedriger bis intermediärer Vortestwahrscheinlichkeit zur Risikostratifizierung (Kalziumscoring) und zum Ausschluss einer KHK mittels cCTA. Die rein anatomische Darstellung von Koronarstenosen kann zukünftig durch funktionelle Analysen aufgrund neuer technischer Entwicklungen ergänzt werden und erlaubt somit neben einer morphologischen
Beurteilung eine Aussage über die hämodynamische Signifikanz von Koronarstenosen. Durch die vielversprechende kombinierte anatomische und funktionelle Diagnostik könnte der kardialen Computertomographie in Zukunft eine wesentliche Gatekeeper-Funktion hinsichtlich der Indikationsstellung für Koronarinterventionen zukommen.

 

Lernziele

Nach der Lektüre dieses Beitrages . . .

• kennen Sie den Nutzen und die Wertigkeit verschiedener Bildakquisitionstechniken der kardialen Computertomographie,
• sind Ihnen Strategien zur Strahlendosisreduktion der kardialen Computertomographie bekannt,
• wissen Sie um den Nutzen und die Wertigkeit des Kalziumscorings als prognostischen Parameter zur Risikostratifizierung,
• können Sie Plaquecharakteristika, die mit einem erhöhten kardialen Risiko assoziiert sind, erkennen,
• sind Ihnen neue innovative Verfahren zur funktionellen, hämodynamischen Analyse von Koronarstenosen geläufig.

 

Einleitung

Die kardiale Computertomographie (CT) hat in den letzten 2 Dekaden einen rapiden technischen Fortschritt unter den nichtinvasiven Bildgebungsmodalitäten erfahren und hat sich zu einem klinisch etablierten Diagnostikum in der Evaluation der koronaren Herzerkrankung (KHK) entwickelt. Dieser Stellenwert findet Berücksichtigung in den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und der Amerikanischen Gesellschaft für Kardiologie (ACC), in denen der kardialen Computertomographie bei Patienten mit niedriger Vortestwahrscheinlichkeit eine Level-IIA- bzw. Level-IIB-Indikation in der Diagnostik der KHK zukommt [1]. Die aktuellen NICE-Richtlinien (National Institute for Health and Care Excellences) empfehlen hierüber hinausgehend die kardiale Computertomographie als primären Untersuchungstest zur Evaluation für das Vorliegen einer KHK [2]. Dennoch ist die Integration der kardialen Computertomographie in klinische Diagnostikabläufe weiterhin unzureichend. Dieser Fortbildungsbeitrag soll den aktuellen Stand und neue innovative Techniken in der CT-Diagnostik der KHK aufzeigen.

 

Bildakquisition und innovative Techniken in der kardialen Computertomographie

Grundsätzlich umfasst die kardiale Computertomographie 2 Untersuchungsmodalitäten:

• die native Computertomographie (CT) zur Quantifizierung des Koronarkalks mittels Kalziumscoring und
• die kontrastmittelgestützte CT-Angiographie (cCTA) zur anatomischen und morphologischen Beurteilung von Koronarstenosen.

Für die traditionelle Bildakquisition in der kardialen Computertomographie stehen 2 Untersuchungstechniken zur Verfügung:

• die retrospektiv EKG-gegatete Spiraluntersuchung und
• die prospektiv EKG-getriggerte Sequenzuntersuchung.

Ersteres Verfahren bildet den Grundstein in der kardialen Computertomographie und fand v. a. Anwendung in den Anfangsjahren der CT-basierten Herzbildgebung. Hierbei wird das Herz durch einen Spiralscan unter kontinuierlichem Tischvorschub und Erfassung der Messparameter abgedeckt. Parallel hierzu wird das EKG des Patienten aufgezeichnet, um nach der Datenerfassung retrospektiv diejenigen Datenbereiche aus dem Spiraldatensatz in den vom Anwender gewünschten Phasen des Herzzyklus auszuwählen, die für die Bildrekonstruktion herangezogen werden.

Größter Nachteil dieses Verfahrens – insbesondere bei Anwendung in der cCTA – war die initial relativ hohe Strahlenexposition mit 25–30mSv [3]. Durch Einführung der EKG-kontrollierten Dosismodulation („Röhrenstrommodulation“, „EKG-Pulsing“) lässt sich die Strahlendosis deutlich verringern. Während des Spiralscans wird der Strom der Röntgenröhre gemäß des EKGs des Patienten moduliert und erreicht nur in einer vordefinierten Herzzyklusphase den Nominalwert, während in den übrigen Phasen der Röhrenstrom auf Werte zwischen 4 und 25% des Nominalwertes abgesenkt wird. Hierdurch ließ sich eine Reduktion der Strahlendosis auf 5–10mSv erzielen [4]. Vorteil der retrospektiv EKG-gegateten Spiraluntersuchung ist die Möglichkeit zur Optimierung der Rekonstruktionsphase bei schwierigen Patientenverhältnissen (hohe Herzfrequenz, Arrhythmien). Darüber hinaus lassen sich neben dermorphologischen Beurteilung des Herzens und der Koronargefäße durch Bildrekonstruktionen in Enddiastole und Endsystole Aussagen über die Herzfunktion (Ejektionsfraktion, Wandbewegungsstörungen) treffen.

Die prospektiv EKG-getriggerte Sequenzuntersuchung („Step and shot“) ist ein Verfahren, bei dem die Bildakquise durch das EKG des Patienten gesteuert wird. In einem festgelegten Abstand nach einer R-Zacke wird ein axialer Scan ohne Tischvorschub in der Ausgangsposition (z-Position) gemäß der aktiven Zeilenzahl und der entsprechenden Detektorbreite durchgeführt. Anschließend erfolgt ein Tischvorschub entlang der z-Achse mit jeweiliger Bildakquisition entsprechend dem zeitlichen Abstand nach der R-Zacke, bis das gesamte Herzvolumen sequenziell mit axialen CT-Scans erfasst ist.

Diese Untersuchungstechnik bietet den Vorteil einer sehr geringen Strahlendosis, allerdings mit Einschränkungen hinsichtlich der maximal zulässigen Herzfrequenz und insbesondere ihrer Variabilität (Arrhythmien, Extrasystolen). Mit diesem Verfahren kann eine niedrige Strahlenexposition von nur etwa 2–3mSv erreicht werden [5]. Des Weiteren war initial eine nachträgliche Bildrekonstruktion ebenso wenig möglich wie funktionale Untersuchungen. Mithilfe neuer CT-Systeme können jedoch analog zur retrospektiv EKG-gegateten Untersuchung funktionelle Analysen durchgeführt werden. Hierbei wird in den jeweiligen Tischpositionen eine Röhrenstrommodulation vorgenommen, sodass zu definierten Zeitpunkten im Herzzyklus ein reduzierter Röhrenstrom und über den restlichen Herzzyklus der nominale Röhrenstrom appliziert wird. Hierdurch sind anschließend ebenfalls funktionelle Untersuchungen möglich. Moderne CT-Systeme ermöglichen in beiden Akquisitionstechniken – retrospektiv EKG-gegatete Untersuchung und prospektiv EKG-getriggerte Sequenzuntersuchung – durch Anwendung von Softwareapplikationen eine hohe Robustheit der Bildqualität unabhängig von Arrhythmien und hohen Herzfrequenzen. Somit sollte aufgrund der deutlich niedrigeren Strahlenexposition immer eine prospektiv EKG-getriggerte Untersuchungstechnik angestrebt werden.

Mit Einführung der Dual-Source-CT-Technologie (DSCT) und CT-Systemen mit einer großen Detektorbreite (256-Zeilen-Single-Source-CT [SSCT]) ist eine kardiale während eines einzelnen Herzschlages durchführbar. Die Akquisitionstechniken werden hierbei als Flash- oder High-Pitch-Akquisition (DSCT) bzw. Single-heart-beat-Akquisition (SSCT) bezeichnet. DSCT-Systeme der neuesten Generation erlauben im Vergleich zu SSCT-Systemen eine sehr hohe zeitliche Auflösung. Beide Akquisitionstechniken ermöglichen die Durchführung einer kardialen Computertomographie bei Patienten mit niedrigem, regelmäßigem Herzschlag (60–75/min) mit hoher diagnostischer Bildgenauigkeit mit sehr geringer Strahlenexposition <0,5mSv [6]. Diese sehr geringe Strahlendosis spiegelt aber nur bedingt den klinischen Alltag wider und basiert auf Studien, deren Ziel die maximal mögliche Strahlendosisreduktion darstellt. So konnten Daten des Deutschen kardialen CT-Registers aus dem Zeitraum 2009 bis 2014 zeigen, dass in der klinischen Routine mit 64-Zeilen-CTs oder neueren CT-Systemen eine effektive Strahlendosis von etwa 3,6mSv erzielt wird [4]. Aktuelle Daten zeigen diesbezüglich eine mittlere effektive Strahlendosis von 2–3mSv.

Eine weitere und sehr effektive Option zur Reduktion der Strahlendosis ist die Anpassung der Röhrenspannung des CT-Systems an Größe und Gewicht des Patienten. Durch die hohe Leistung der Röntgenstrahler in heutigen CT-Geräten kann die Röhrenspannung auch bei übergewichtigen Patienten auf 80–100kV bei akzeptablem Kontrast-Rausch-Verhältnis gesenkt und hiermit eine Strahlendosisreduktion um 30% erzielt werden. Daher wird für Patienten mit einem Body-Mass-Index< 30kg/m2 grundsätzlich eine Absenkung der Röhrenspannung empfohlen. Ein unerwünschter Nebeneffekt ist hierdurch jedoch die Zunahme des Bildrauschens, weshalb bei niedrigen Röhrenspannungen iterative Bildrekonstruktionsverfahren (IR) angewendet werden sollten.

Die Einführung neuer iterativer Bildrekonstruktionsalgorithmen war einer der wichtigsten Faktoren zur Strahlendosisreduktion in der kardialen Computertomographie in der jüngeren Vergangenheit. IR erlauben im Vergleich zur traditionellen gefilterten Rückprojektion („filtered back projection“ [FBP]) eine Reduktion der Strahlendosis in der kardialen Computertomographie bei gleicher Röhrenspannung von bis zu 50%. Neben Senkung der Strahlenexposition und deutlicher Abnahme des Bildrauschens ermöglicht die IR eine Reduktion von Kalk- und Metallartefakten (Blooming-Artefakten), die bei Patienten mit ausgeprägtem Koronarkalk oder Stents auftreten und somit eine suffiziente Beurteilung des Gefäßlumens erschweren.

Ein potenzieller Nachteil der IR ist das „Verschmieren“ scharfer Kanten sowie eine insuffiziente Darstellung feinster Hochkontraststrukturen bei sehr niedriger Strahlenexposition. Jedoch konnte dies durch neueste IR-Algorithmen weitestgehend beseitigt werden. Die Beurteilbarkeit von Stents stellte lange Zeit eine Limitation der cCTA aufgrund der eingeschränkten räumlichen Auflösung und der Metallartefakte dar. Aktuelle CT-Systeme ermöglichen jedoch durch technische Fortschritte eine deutlich bessere Beurteilung des Gefäßlumens nach Stentimplantation mit einem hohen negativ prädiktiven Wert von über >90% zum Ausschluss einer In-Stent-Restenose. Jedoch bleibt die Evaluation von Stents mit einem Diameter < 3mm eingeschränkt, sodass aktuelle Leitlinien die cCTA zur Beurteilung des Gefäßlumens nur in größeren Stents (≥3mm) empfehlen [7].

 

Kalziumscoring

Das Kalziumscoring wird als Niedrigdosis-CT ohne Kontrastmittel mit einer Schichtdicke von 3mm entweder sequenziell mit prospektiver EKG-Triggerung oder mit retrospektiver EKG-gegateter Spiraluntersuchung durchgeführt. Die Quantifizierung des Koronarkalks erfolgt mit der Agatston-Methode ([7]; Abb. 1). Hierbei werden sowohl die Fläche als auch die Dichte des Koronarkalks berücksichtigt. Definitionsgemäß wird dabei einer kalzifizierten Läsion ein CT-Dichtewert von 130 Hounsfield Units (HU) mit einer Fläche von mindestens 1 qmm zugeschrieben. Der Agatston-Score ist die etablierte Standardmethode zur Quantifizierung des Koronarkalks. Dennoch weißt der Agatston-Score einige Schwächen auf. Der errechnete Kalkscore entspricht nicht der physikalischen Kalkmasse und bildet somit nicht den realen Wert ab. Des Weiteren ist diese Methode anfällig für Bewegungsartefakte und Bildrauschen, wodurch eine Reproduzierbarkeit des Agatston-Scores limitiert ist. Dies hat zur Folge, dass alternative Scores (Volumen-Score, Massen-Score) entwickelt wurden, die sich im klinischen Einsatz jedoch nicht etablieren konnten. Der größte Nachteil liegt jedoch in den fest definierten Parametern der Bildakquisition, wodurch neue Technologien zur Strahlendosisreduktion nicht adäquat eingesetzt werden können und das Kalziumscoring teilweise höhere Strahlendosen erzeugt als moderne CT-Systeme in der kontrastmittelgestützten cCTA.

Trotz dieser Limitationen dient das Kalziumscoring als klinisch etablierte Methode und Screeningtest zur Quantifizierung des Koronarkalks und damit verbunden zur Risikostratifizierung für das Vorliegen oder Auftreten einer KHK. Hierbei werden Geschlecht, ethnische Abstammung und Alter zur Berechnung der Risikoperzentile herangezogen. Die Einteilung des individuellen Risikos erfolgt somit nach dem Agatston-Score und den zugehörigen Risikoperzentilen.

Kardiale Computertomographie in der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung

Abb. 1 a) Kalziumscoring mit b) softwarebasierter, farbkodierter Kalkquantifizierung einer asymptomatischen 58-jährigen Patientin mit positiver Familienanamnese und arterieller Hypertonie. Der Agatston-Score von 33,8 korrelierte mit der 84. Risikoperzentile. Es erfolgte eine Klassifikation in die Hochrisikogruppe mit Optimierung der kardiovaskulären Risikofaktoren und Ausweitung und Präventivmedikation

Die Agatston-Score-Kategorien sind:

• 0 (keine Koronarkalzifikationen),
• 1–10 (minimale Koronarkalzifikationen),
• 11–100 (milde Koronarkalzifikationen),
• 101–400 (moderate Koronarkalzifikationen),
• >400 (schwere Koronarkalzifikationen).

Die Agatston-Score-Risikoperzentilen sind:

• 0% (sehr geringes Risiko),
• 1–25% (niedriges Risiko),
• 26–50% (mildes Risiko),
• 51–75% (moderates Risiko),
• 76–95% (hohes Risiko),
• >95% (sehr hohes Risiko).

Eine fundierte Datenlage hinsichtlich des Zusammenhangs von Koronarverkalkungen, Alter, Geschlecht, Rasse und traditionellen kardiovaskulären Risikofaktoren unterstreicht den Stellenwert und die Überlegenheit des Kalziumscorings gegenüber klinischen und laborchemischen Parametern als zuverlässigen Risikoprädiktor. Große, multizentrische Studien (MESA [8], Dallas Heart Study [9], Heinz Nixdorf Recall Study [10], EISNER Study [11]) konnten zeigen, dass die Bestimmung des Koronarkalks zu einer signifikant verbesserten Risikostratifizierung und Reklassifizierung hinsichtlich des kardiovaskulären Risikos führt. Insbesondere die hohe prognostische Aussagekraft bei Abwesenheit von Koronarkalk mit einem 10-Jahres-Risiko von 1,1% für das Auftreten von kardialen Ereignissen ist hervorzuheben.

Die Bestimmung des Agatston-Scores hat direkten Einfluss auf Therapiekonsequenzen (Optimierung und Anpassung der primärprophylaktischen Therapie, Lifestyle-Änderung, Medikation) und weiterführende Diagnostik, ohne dass hierdurch höhere Kosten oder unnötige diagnostische Maßnahmen entstehen. Dieser Stellenwert findet Berücksichtigung in den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und der Amerikanischen Gesellschaft für Kardiologie (ACC), in denen dem Kalziumscoring bei Patienten mit intermediärem Risiko (10–20% für ein Ereignis in den nächsten 10 Jahren gemäß Framingham Risk Score) eine Level-IIA- bzw. Level-IIB-Indikation und bei Patienten mit niedrigem bis mittlerem Risiko (6–10%) eine individuelle Indikationsstellung zukommt. Die Society of Cardiovascular Computed Tomography (SCCT) empfiehlt darüber hinaus ein wiederholtes Kalziumscoring bei Patienten, bei denen eine Progression des Koronarkalks zu direkten Therapieänderungen führt, in einem Intervall von 5 Jahren bei Abwesenheit von Koronarkalk und in einem Intervall von 3 bis 5 Jahren bei positivem Kalknachweis [12].

Kardiale Computertomographie in der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung

Abb. 2 Die kardiale CT-Angiographie (cCTA) eines 56-jährigen Patienten mit Brustschmerzen und niedriger Vortestwahrscheinlichkeit zeigt einen Ausschluss einer koronaren Herzerkrankung. Gekrümmt planare Rekonstruktion der Koronargefäße mit korrespondierenden Gefäßquerschnitten. RCA „right coronary artery“, LAD„left anterior descending artery“, LCX „left circumflex artery“

 

CT-Koronarangiographie

Die quantitative Auswertung der cCTA sollte standardisiert mithilfe des CAD-RADS™-Systems (Coronary Artery Disease Reporting and Data System) durch Bestimmung des maximalen prozentualen Stenosedurchmessers anhand der folgenden Graduierung durchgeführt werden [13].

Die Graduierung des CAD-RADS-Systems lautet:

• CAD-RADS 0: keine sichtbare Stenose (0%),
• CAD-RADS 1: minimale Stenose (1–24 %),
• CAD-RADS 2: milde Stenose (25–49 %),
• CAD-RADS 3: moderate Stenose (50–69 %),
• CAD-RADS 4: schwere Stenose (70–99 %),
• CAD-RADS 5: totaler Gefäßverschluss (100 %).

Abgesehen von der standardisierten Beurteilung von Koronarstenosen gibt das CAD-RADS-System auch Empfehlungen bezüglich des weiteren therapeutischen Vorgehens und ermöglicht hierdurch klare und transparente Diagnostik- und Therapieabläufe. Neben dem maximalen prozentualen Diameter gibt es weitere quantitative Parameter zur Stenosegraduierung (z.B. minimaler Lumendiameter, minimale Lumenfläche), die aber im klinischen Gebrauch eine untergeordnete Rolle spielen. Generell wird eine anatomisch stenosierende KHK mit einem Stenosegrad ≥ 50% in der cCTA definiert. Dieser Cut-off-Wert hat jedoch lediglich eine geringe prädiktive Vorhersagekraft von etwa 65–70% für das Vorliegen einer invasiv gemessenen, hämodynamisch relevanten Stenosierung. Folglich teilt die cCTA die gleichen Limitationen wie die invasive quantitative Koronarangiographie
in der Beurteilung der hämodynamischen Signifikanz von Koronarstenosen. Metaanalysen haben gezeigt, dass die große Stärke der cCTA aufgrund des hohen negativ prädiktiven Wertes von bis zu 98% im sicheren und schnellen Ausschluss einer nicht stenosierenden KHK liegt ([14]; Abb. 2). Darüber hinaus haben große, multizentrische Studien (SCOT-HEART [15], PROMISE [16], CONFIRM [17]) die Wertigkeit der cCTA als Alternative oder zusätzliche nichtinvasive Modalität zu anderen Testverfahren der KHK (Stressechokardiographie, Ergometrie, Szintigraphie) gezeigt.

Hierbei ist wichtig zu erwähnen, dass die cCTA zwar zu einer erhöhten Rate an Koronarangiographien und Revaskularisationen führen kann, jedoch die Präventivmedikation relevant verbessert und die Rate an Myokardinfarkten signifikant reduziert wird. Daten des CONFIRM-Registers konnten zeigen, dass Patienten mit Plaquenachweis in der cCTA von der Initiierung einer Statintherapie mit einer signifikanten Reduktion der Mortalität profitieren [1]. Demgegenüber zeigte die Einleitung einer Thrombozytenaggregationshemmung mit Aspirin keinen relevanten Effekt bei jedoch erhöhtem Blutungsrisiko. Dementsprechend empfehlen aktuelle Leitlinien die Einleitung einer Statintherapie bei positivem Nachweis von Koronarplaques. Bei Patienten mit akutem Thoraxschmerz ist die cCTA bzw. die CT als sog. „Triple-Rule-out“ (KHK, Lungenembolie, Dissektion) konsistent in multizentrischen Studien (CT-COMPARE [18], CTSTAT [19], ACRIN-PA [20]) mit einem sicheren Diagnoseausschluss, verkürzter Wartezeit in der Notaufnahme, weniger Hospitalisationen und weniger zusätzlichen Untersuchungen assoziiert. Hinsichtlich der Kosten- und Zeiteffizienz und Lebensqualität der Patienten zeigt die cCTA einen größeren Vorteil gegenüber anderen Testverfahren der KHK.

Durch den raschen technischen Fortschritt mit zunehmendem Bedarf an kardiovaskulärer Bildgebung haben Bedenken hinsichtlich der damit verbundenen Strahlenexposition und der durch ionisierende Strahlung potenziell induzierbaren Malignombildung zugenommen. Die natürliche, kosmische Strahlenexposition liegt bei 3–4mSv/Jahr. Im Vergleich zu anderen Bildgebungsmodalitäten wie der invasiven Koronarangiographie (4–7mSv), Single-Photonen Emissions-Computertomographie (SPECT, 7–18mSv), Positronenemissionstomographie (PET, 6–10mSv) hat die cCTA mit etwa 2–4mSv eine niedrige bis moderate Strahlenbelastung. Die Wahrscheinlichkeit, durch ionisierende Strahlung durch kardiale Bildgebung ein strahlungsinduziertes Malignom zu bekommen, liegt bei etwa 0,02–0,17% gegenüber einem natürlichen Krebsrisiko (alle Entitäten) von etwa 21% [21]. Dennoch besteht ein lineares Verhältnis zwischen kumulativer Strahlungsexposition und erhöhtem Krebsrisiko, sodass die Indikationsstellung und Durchführung leitliniengerecht und mit der niedrigst möglichen Strahlenexposition erfolgen sollten.

Ähnliche Bedenken gelten hinsichtlich der Kontrastmittel-Applikation der cCTA und dem potenziellen Risiko einer Kontrastmittel (KM)-induzierten Niereninsuffizienz mit konsekutiven unerwünschten klinischen Ereignissen. Während eine KM-induzierte Niereninsuffizienz mit einer Inzidenz von 2–15% auftritt, sind relevante klinische Ereignisse mit Raten < 1% diesen Kollektivs sehr selten [22]. Darüber hinaus scheinen andere patientenspezifische Faktoren entscheidender für das Auftreten einer KM-induzierten Niereninsuffizienz zu sein als die reine Exposition von Kontrastmittel. Dennoch sollten Akquisitionsprotokolle mit der Möglichkeit zur Reduktion der Kontrastmittel-Dosis angestrebt werden. Unter Berücksichtigung einer leitliniengerechten Durchführung stellt die cCTA somit eine sichere und zuverlässige Untersuchungsmethode dar.

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Neue europäische Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der zystischen Pankreastumore

Lange erwartet wurde die neue europäische Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der zystischen Pankreastumore.
Unter der Organisation der Karolinksa Universität in Schweden kamen die europaweit führenden Experten zum Thema Chirurgie, Diagnostik und Therapie von zystischen Pankreastumoren zusammen und trafen sich mehrfach, unter anderem zur finalen Konsentierung in Wien. Die Leitung der Diagnostik-Gruppe der europäischen Expertenkommission wurde dabei an Prof. Grenacher übertragen.
Nach langer intensiver Arbeit wurden nun die neuen Ergebnisse der „European Study Group“ im April 2018 in dem international renommierten Journal „GUT“ publiziert. Hier können Sie die Veröffentlichung lesen. Das Journal GUT gilt als das weltweit wichtigstes Journal der Gastroenterologie und hat dementsprechend einen wissenschaftlichen Index (sog. Impact Factor) von 16.5  (zum Vergleich das wichtigste Journal der Radiologie „Radiology“ hat 5.6).
Aufgrund von Teilnehmern aus Japan und USA wird sich die European Study Group zukünftig umbenennen in International Study Group und damit die weltweite Expertenkommission zu diesem Thema werden.