Von der Entzündung zum Pankreaskarzinom: Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse

Bei dem Begriff Bauchspeicheldrüse denken die meisten Menschen zuerst an Diabetes. Das ist generell auch richtig: In der Bauchspeicheldrüse wird das lebenswichtige Hormon Insulin hergestellt, welches den Zuckerstoffwechsel reguliert. Aber das etwa 15cm lange, flache Organ – in der Medizin auch Pankreas genannt – leistet noch viel mehr. Täglich produziert die Bauchspeicheldrüse etwa 1,5 Liter Enzymsekret, welches vor allem für die Verdauung von Fetten und Eiweißen benötigt wird. „Falsche“, vor allem fettreiche Mahlzeiten machen sich deshalb oft schnell über die Bauchspeicheldrüse bemerkbar. Im schlimmsten Fall jedoch liegt ein Pankreaskarzinom vor – Bauchspeicheldrüsenkrebs.


Probleme mit der Bauchspeicheldrüse können schnell auftreten. Nicht selten genügt eine üppige, fettreiche Mahlzeit. In Deutschland leiden etwa 100.000 Menschen an einer Erkrankung der Bauchspeicheldrüse, meist sind es akute oder chronische Entzündungen. Und die Zahl der Patienten steigt.

Häufige Ursachen sind unsere Lebensgewohnheiten, zu fettes Essen und steigender Alkoholkonsum. Seltener sind Gallensteine oder erbliche Faktoren verantwortlich (Lesen Sie hier mehr zum Thema).

Schon leichte Bauchschmerzen, die zudem in den Rücken ausstrahlen, können erste Anzeichen eines Pankreaskarzinoms sein und werden oft als Bandscheibenproblematik fehlgedeutet. Epidemiologische Studien prognostizieren für das Jahr 2030, dass das Pankreaskarzinom nach dem Lungenkrebs Krebstodesursache Nummer zwei werden wird.

Wir haben mit Prof. Dr. med. Lars Grenacher, Leiter der Diagnostik München (DKM) und Vorsitzender der AG Abdominelle Bildgebung der Deutschen Röntgengesellschaft gesprochen. Grenacher gilt als einer der europaweit führenden Experten auf dem Gebiet der Bauchspeicheldrüse. Gerade erst ist die europäische Leitlinie für zystische Pankreastumore unter Mitwirkung der von ihm geleiteten Diagnostikgruppe erschienen.

Welche Aufgaben hat die Bauchspeicheldrüse?

Prof. Dr. med. Lars Grenacher (Facharzt für Radiologie bei der Diagnostik München): Bauchspeicheldrüse ist eine ca. 15cm lange, 5cm breite und knapp 100g schwere Drüse im oberen und hinteren Bauchraum. Sie erfüllt zwei Aufgaben: 1. eine sogenannte exokrine Funktion, die wichtig ist für die Verdauung durch Produktion von wichtigen Enzymen (Amylase, Lipase, Trypsin) und 2. eine sogenannte endokrine Funktion, die die Blutzuckerregulation durch Hormonproduktion (Insulin) steuert.
Wenn die exokrine Funktion der Bauchspeicheldrüse ausfällt, kann der Körper durch das Fehlen der Verdauungsenzyme die Nahrung nicht mehr in kleinste Bestandteile zerlegen, um sie aufnehmen zu können. Es werden dann unverdaute Speisen weiter durch den Darm befördert, was zu Bauchkrämpfen, Durchfall und Blähungen führt. Weitere Folge sind Mangelerscheinungen durch das Fehlen von Vitaminen mit Gewichtsabnahme und Funktionsstörungen anderer Organe.

Was belastet das Pankreas?

Prof. Dr. med. Lars Grenacher (Facharzt für Radiologie bei der Diagnostik München): TTypische Noxe ist der Alkohol. Dieser führt schnell zur Entzündung des Organs, der sogenannten Pankreatitis, mit unterschiedlich schweren Verläufen bis hin zur Pankreasnekrose mit Totalausfall des Pankreas.

Welche Symptome weisen auf eine Erkrankung hin?

Prof. Dr. med. Lars Grenacher (Facharzt für Radiologie bei der Diagnostik München): Wenn die endokrine Funktion der Bauchspeicheldrüse ausfällt, produzieren die sogenannten Langerhans Insel-Zellen kein Insulin mehr. Fehlt im Körper Insulin, kann die Glucose – der kleinste Zuckerbaustein – nicht mehr in die Zelle aufgenommen werden. Dadurch steigt der Blutzuckerspiegel, man wird zum Diabetiker.
Typische Symptome sind starkes Durstgefühl, trockene und juckende Haut, Müdigkeit, Gewichtsverlust, häufiges Wasserlassen, Azetongeruch des Atems, erhöhte Infektanfälligkeit und schlechte Wundenheilung. Häufig fehlen jedoch durch die langsame Gewöhnung des Körpers diese Symptome oder treten nur in sehr milder Form auf. Nur 30 bis 50% der Diabetiker entwickeln überhaupt solche Symptome.
Ein weiteres Hormon, das Glucagon, wird unabhängig davon auch in den Inselzellen produziert. Es ist der Gegenpart zum Insulin und setzt Blutzuckerreserven aus anderen Organen wie z.B. der Leber frei, wenn der Blutzuckerspiegel zu stark fällt. Beide Mechanismen können unabhängig voneinander oder gleichzeitig betroffen sein.
Die typischen Beschwerden bei einer Entzündung sind massive Bauchschmerzen, meistens im Oberbauch, die auch in den Rücken ausstrahlen können, Gewichtsverlust und bei chronischen Verläufen Übergang in einen Diabetes und fettige Stühle, sog. Steatorrhö.
Eine akute Pankreatitis kann auch in eine chronische Verlaufsform übergehen, die dann in immer wiederkehrenden, akuten Schüben verlaufen kann, so wie auch eine multiple Sklerose.
Beim Pankreaskarzinom sind die Beschwerden oft untypisch und treten erst sehr spät im Krankheitsverlauf auf. Typisch sind auch hier Oberbauchschmerzen, die in den Rücken ausstrahlen und deswegen oft als Bandscheiben-Probleme lange falsch behandelt werden.
Da bei der Diagnose eines Pankreaskarzinoms nur in den frühen Stadien noch eine Operation möglich ist, die eine Heilung gewährleistet, ist die frühe Abklärung auf ein Pankreaskarzinom hin bei Rückenbeschwerden wichtig und wird leider oft ignoriert.

Welche Erkrankungen können auftreten?

Prof. Dr. med. Lars Grenacher (Facharzt für Radiologie bei der Diagnostik München): Beim Diabetes entstehen zahlreiche Folgeschäden an den kleinen und großen Arterien, sogenannte Mikro- und Makroangiopathie. Die wichtigsten Folgeerkrankungen sind daher
Herzinfarkt, Schlaganfall, Netzhautschaden (Erblindung), Nervenschaden (Kribbeln und Taubheit der Beine und Hände) und Nierenschaden (Nierenversagen durch Störung der Filterfunktion). Dazu kommt der diabetische Fuß (fehlende Wahrnehmung von Schmerz mit Bildung von Geschwüren) und die Depression (Ursache nicht geklärt).
Zusätzlich zu den diabetischen Folgeerkrankungen können eine Pankreatitis und ein Pankreaskarzinom auftreten.
Häufig werden beinahe zufällig zystische Tumore des Pankreas gefunden, die von gutartig bis bösartig variieren können und eine große Erfahrung des diagnostizierenden Radiologen voraussetzen. Die beste Möglichkeit der Differenzierung der zystischen Tumore ist eine Magnetresonanztomographie (MRT).

Wie werden sie diagnostiziert?

Prof. Dr. med. Lars Grenacher (Facharzt für Radiologie bei der Diagnostik München): Diabetes ist oft eine Diagnose des Hausarztes oder des Internisten, z.B. mit der Zusatzbezeichnung für „Endokrinologie“.
Pankreaskarzinome können mit dem Ultraschall oft nicht entdeckt werden und sollten daher mit einer Computertomographie (CT) in spezieller Technik abgeklärt werden. Diese spezielle Technik heißt „Hydro-CT“ und bedeutet, dass der Patient vor der Untersuchung etwa 1 bis 1,5 Liter Wasser trinken muss, um den Magen besser zu entfalten und dadurch die Sicht auf den Pankreas zu verbessern.
Auch eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse sollte nach dem Anfangsstadium bezüglich der Einschätzung der Schwere der Entzündung nach etwa 6 bis 8 Tagen mittels Computertomographie abgeklärt werden.

Wie wird eine Entzündung behandelt?

Prof. Dr. med. Lars Grenacher (Facharzt für Radiologie bei der Diagnostik München): Typisch ist bei der akuten Entzündung die Nahrungskarenz und die Antischmerztherapie.
Bei chronischen Verlaufsformen kann oft nur die Operation oder eine interventionelle Therapie, z.B. Eine Stenteinlage durch eine Endoskopie o.ä. helfen.

Wie kommt es zu Bauchspeicheldrüsenkrebs?

Prof. Dr. med. Lars Grenacher (Facharzt für Radiologie bei der Diagnostik München): Seit vielen Jahren wird die Ernährung als möglicher Risikofaktor bei der Entstehung des exokrinen Pankreaskarzinoms diskutiert. Allerdings gibt es keine einhelligen bzw. in der klinischen Praxis etablierten Empfehlungen darüber, ob Ernährungsmaßnahmen zur Prävention des Pankreaskarzinoms sinnvoll sind und, wenn ja, welche Ernährungsfaktoren hierbei eine Rolle spielen könnten. Abgesehen von Ernährungsfaktoren sind Lebensgewohnheiten und berufsbedingte Expositionen als mögliche Risikofaktoren für die Entstehung des Pankreaskarzinoms zu diskutieren. Der Verzicht auf exzessiven Alkoholkonsum kann zur Verringerung des Pankreaskarzinomrisikos empfohlen werden. Adipositas ist mit einem erhöhten Pankreaskarzinomrisiko assoziiert, weshalb eine Vermeidung von Übergewicht empfohlen wird. Die Vermeidung von Tabakkonsum wird zur Reduktion des Pankreaskarzinomrisikos empfohlen. Der Kontakt mit Pestiziden, Herbiziden und Fungiziden könnte möglicherweise das Pankreaskarzinomrisiko erhöhen. Weitere potenzielle Risikofaktoren können chlorierte Kohlenwasserstoffe, Chrom und Chromverbindungen, elektromagnetische Felder und Kraftstoffdämpfe sein.

Warum ist das Pankreaskarzinom so gefährlich?

Prof. Dr. med. Lars Grenacher (Facharzt für Radiologie bei der Diagnostik München): Das Pankreaskarzinom wird aufgrund der späten Symptome oft erst sehr spät entdeckt.
Da das Organ von vielen Gefäßen umgeben ist, bricht der Tumor früh in das Gefäßsystem ein und kann daher leicht metastasieren. Aufgrund der Infiltration in die Gefäße ist er dann nicht mehr heraus zu operieren. Leider sind zum Zeitpunkt der Diagnose nur etwa 20% der Pankreaskarzinome überhaupt noch operabel. Die anderen 80% haben eine mittlere Lebenserwartung von wenigen Monaten ohne Therapie.
Deswegen kommt der frühzeitigen Diagnose schon bei geringen Symptomen eine besondere Bedeutung zu. Darüber hinaus kann nur ein sehr erfahrener Pankreas-Radiologe die Frühzeichen einer Karzinomerkrankung erkennen und dann den Patienten der rettenden chirurgischen Therapie zuführen.

Wie sieht die Behandlung aus?

Prof. Dr. med. Lars Grenacher (Facharzt für Radiologie bei der Diagnostik München): Heutzutage wird in einem Tumorboard bestehend aus Chirurgen, Radiologen, Strahlentherapeuten und Onkologen für jeden Pankreaskarzinom-Patienten eine individuelle Therapiestrategie festgelegt. Gemeinsam wird anhand der Bilder des Patienten entschieden, welches die beste Therapie im speziellen Fall ist.
Die Behandlung eines Pankreaskopfkarzinomes besteht in einer großen Bauchoperation, die sogenannte „Whipple’sche Operation“, mit Entfernung des Pankreaskopfes, Teilen des Magens und des Zwölffingerdarmes.
Sitzt der Tumor hingegen im Pankreasschwanz wird nur dieser zusammen mit der Milz entfernt.
Im Falle der Inoperabilität wird üblicherweise eine Chemotherapie verabreicht. Auch Kombinationstherapien mit Strahlentherapie oder Chemotherapie, zusätzlich mit oder ohne einer chirurgischen Therapie werden heute angewendet.